Das Waffenrad - Stellvertretend für die Qualität aus heimischen Fabriken

 

Jeder kennt es, fast jeder hatte schon mal eins oder hat es noch, und es ist aus Österreichs Straßenbild nicht wegzudenken: das Steyr Waffenrad. Seine Qualität und Langlebigkeit ist derart legendär, daß der Name „Waffenrad“ bis heute als Synonym für jedes alte, robuste (und schwarze) Fahrrad gilt, egal welchen Herstellers. Der Name „Waffenrad“ leitet sich nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, davon ab, dass es mit Waffen bestückt ist, sondern von seinem Hersteller, der Österreichischen Waffenfabriks GesmbH (ÖWG). 1821 hatte Leopold Werndl im oberösterreichischen Steyr eine Waffenschmiede gegründet, die von seinem Sohn Josef bis 1870 zu einer der weltgrößten Waffenfabriken ausgebaut wurde. 1894 war der Absatz an Waffen rückläufig, und so dachte Werndl an die Erweiterung seiner Fabrikation um ein Zivilprodukt. Das gerade in Mode gekommene Fahrrad bot sich da an, konnte man doch dieselben Maschinen und Fachkräfte zur Herstellung verwenden. Viele Waffenfabriken handelten so, man denke nur an BSA und Royal Enfield in England, an FN und Sarolea in Belgien oder Husqvarna in Schweden.

Swift Modell "0", A 1896

die Konkurrenz aus Graz: Puch Mod. I, 1902

1895 begann man mit der Produktion. Vorerst wurden Modelle der Swift Cycle Company (der Nachfolger der Coventry Machinists Company) unter Beibehaltung des Markennamens „Swift“ hergestellt, aber es wurden schon von eigenen Patenten (damals noch „Privilegien“ genannt) geschützte Verbesserungen eingebracht. Geschickte Werbestrategien verhalfen den Produkten der ÖWG schnell zu Erfolg. Man beschickte zahlreiche Rennen und sorgte für eine Veröffentlichung der Erfolge in den Medien, und man verließ sich auf Adelige als Werbeträger. In jedem neu erscheinenden Prospekt waren auf mehreren Seiten prominente Waffenrad – Benützer ebenso aufgeführt wie die Rennerfolge. 1897 wurde der Name „Waffenrad“ zum Markenschutz angemeldet, und seitdem hießen die mittlerweile selbst entworfenen Maschinen so. Das Waffenrad war bekannt für seine überragende Qualität (alleine die Lackierung, bzw. Emaillierung erforderte 27 Arbeitsgänge und dauerte zwei Wochen!), und so erschien auch die Preisgestaltung als gerechtfertigt. Der Preis des billigsten Modells entsprach dem halben Jahreseinkommen einer durchschnittlich verdienenden Arbeiterfamilie!

Steyr Waffenrad Mod. 100, A 1912

Steyr Waffenrad Mod. 98, A 1912

Um 1905 war das Vollscheiben – Kettenblatt in Mode gekommen, viele in Österreich und Böhmen produzierte Räder wurden durch diese mit Jugendstilornamenten verzierte Scheiben geschmückt. Die in dieser Zeit gefertigten Waffenräder zählen heute zu den gesuchtesten. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 setzte diesem Luxus ein Ende. In den Jahren bis 1918 bot die ÖWG nur jeweils ein Damen- und Herrenmodell an, der Ausstoß an Rädern war gering. Hungersnot, Armut und Rohstoffknappheit sorgten für wenig Interesse am Fahrrad.

In den Nachkriegsjahren entwickelte sich das Fahrrad zum Transportmittel für jedermann, (zahlreiche Arbeiterfahrvereine entstehen), das Fahrrad musste billiger werden, was eine Qualitätsminderung mit sich brachte. Erstmals wurde die „Zielscheibe“ als Kettenblatt und Steuerkopfschild verwendet, wo es die als „der Schmied“ bekannte Plakette ablöste. 1925 war ein einschneidendes Jahr, die ÖWG wurde in die Steyr Werke AG. umgewandelt, der Name „Waffenrad“ fiel weg. Zwei Jahre später beteiligten sich die Steyr Werke mit Mehrheit an der Vereinigten Styria- und Dürkopp Werke AG., und 1934 erfolgte die Fusion zur Steyr-Daimler-Puch AG. In Steyr wurden jetzt nur mehr Autos produziert, die Fahrradfertigung wich ins Grazer Werk aus. Das baugleiche Fahrrad konnte man jetzt unter 5 verschiedenen Namen kaufen (Steyr, Styria, Dürkopp, Puch, Austro-Daimler), nur die Modellbezeichnung unterschied sie!

 

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