Das Waffenrad - Stellvertretend
für die Qualität aus heimischen Fabriken

Swift Modell XII Triplet, A
1897 |
Jeder kennt es, fast jeder hatte schon mal eins oder
hat es noch, und es ist aus Österreichs Straßenbild
nicht wegzudenken: das Steyr Waffenrad. Seine Qualität
und Langlebigkeit ist derart legendär, daß
der Name „Waffenrad“ bis heute als Synonym für
jedes alte, robuste (und schwarze) Fahrrad gilt, egal
welchen Herstellers. Der Name „Waffenrad“ leitet sich
nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen,
davon ab, dass es mit Waffen bestückt ist, sondern
von seinem Hersteller, der Österreichischen Waffenfabriks
GesmbH (ÖWG). 1821 hatte Leopold Werndl im oberösterreichischen
Steyr eine Waffenschmiede gegründet, die von
seinem Sohn Josef bis 1870 zu einer der weltgrößten
Waffenfabriken ausgebaut wurde. 1894 war der Absatz
an Waffen rückläufig, und so dachte Werndl
an die Erweiterung seiner Fabrikation um ein Zivilprodukt.
Das gerade in Mode gekommene Fahrrad bot sich da an,
konnte man doch dieselben Maschinen und Fachkräfte
zur Herstellung verwenden. Viele Waffenfabriken handelten
so, man denke nur an BSA und Royal Enfield in England,
an FN und Sarolea in Belgien oder Husqvarna in Schweden.

Swift Modell "0",
A 1896 |

die Konkurrenz aus Graz: Puch
Mod. I, 1902 |
1895 begann man mit der Produktion. Vorerst wurden
Modelle der Swift Cycle Company (der Nachfolger der
Coventry Machinists Company) unter Beibehaltung des
Markennamens „Swift“ hergestellt, aber es wurden schon
von eigenen Patenten (damals noch „Privilegien“ genannt)
geschützte Verbesserungen eingebracht. Geschickte
Werbestrategien verhalfen den Produkten der ÖWG
schnell zu Erfolg. Man beschickte zahlreiche Rennen
und sorgte für eine Veröffentlichung der
Erfolge in den Medien, und man verließ sich
auf Adelige als Werbeträger. In jedem neu erscheinenden
Prospekt waren auf mehreren Seiten prominente Waffenrad
– Benützer ebenso aufgeführt wie die Rennerfolge.
1897 wurde der Name „Waffenrad“ zum Markenschutz angemeldet,
und seitdem hießen die mittlerweile selbst entworfenen
Maschinen so. Das Waffenrad war bekannt für seine
überragende Qualität (alleine die Lackierung,
bzw. Emaillierung erforderte 27 Arbeitsgänge
und dauerte zwei Wochen!), und so erschien auch die
Preisgestaltung als gerechtfertigt. Der Preis des
billigsten Modells entsprach dem halben Jahreseinkommen
einer durchschnittlich verdienenden Arbeiterfamilie!
Steyr Waffenrad Mod. 100, A
1912 |

Steyr Waffenrad Mod. 98, A
1912 |
Um 1905 war das Vollscheiben – Kettenblatt in Mode
gekommen, viele in Österreich und Böhmen
produzierte Räder wurden durch diese mit Jugendstilornamenten
verzierte Scheiben geschmückt. Die in dieser
Zeit gefertigten Waffenräder zählen heute
zu den gesuchtesten. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs
1914 setzte diesem Luxus ein Ende. In den Jahren bis
1918 bot die ÖWG nur jeweils ein Damen- und Herrenmodell
an, der Ausstoß an Rädern war gering. Hungersnot,
Armut und Rohstoffknappheit sorgten für wenig
Interesse am Fahrrad.

Steyr Daimler Puch AG., Modell
521 , A 1938 |
In den Nachkriegsjahren entwickelte sich das Fahrrad
zum Transportmittel für jedermann, (zahlreiche
Arbeiterfahrvereine entstehen), das Fahrrad musste
billiger werden, was eine Qualitätsminderung
mit sich brachte. Erstmals wurde die „Zielscheibe“
als Kettenblatt und Steuerkopfschild verwendet, wo
es die als „der Schmied“ bekannte Plakette ablöste.
1925 war ein einschneidendes Jahr, die ÖWG wurde
in die Steyr Werke AG. umgewandelt, der Name „Waffenrad“
fiel weg. Zwei Jahre später beteiligten sich
die Steyr Werke mit Mehrheit an der Vereinigten Styria-
und Dürkopp Werke AG., und 1934 erfolgte die
Fusion zur Steyr-Daimler-Puch AG. In Steyr wurden
jetzt nur mehr Autos produziert, die Fahrradfertigung
wich ins Grazer Werk aus. Das baugleiche Fahrrad konnte
man jetzt unter 5 verschiedenen Namen kaufen (Steyr,
Styria, Dürkopp, Puch, Austro-Daimler), nur die
Modellbezeichnung unterschied sie!
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