Die Vollscheibenräder
der Jugendstilzeit
|
| |
|
Steyr Waffenrad, Sportausführung
mit Doppeltorpedo (kleiner dimensionierte Scheibe),
1906 |
| In der
Zeit vor dem ersten Weltkrieg gehörte es in der „High
Society“ zum guten Ton, sich radsportlich zu betätigen.
Und wer dazu nicht willens war oder sich körperlich
außerstande fühlte, musste zumindest einen Drahtesel
besitzen. Diesen Statussymbolen sollte man es natürlich
auch ansehen, dass der Besitzer ordentlich ins Portemonnaie
langen musste, um in seinen Besitz zu gelangen.
|
|
Gloria Luxusrad, unrestaurierter
Originalzustand, viel Nickel, ca. 1912 |
| Von der
Ausstattung einmal abgesehen (es gab Lampen in allen
Preisklassen, Lenker-, Sattel-, Rahmentaschen, Radlaufglocken,
-Pfeifen, Sirenen, und sonst jeden nur erdenklichen
Schnickschnack) wurde schon beim nackten Rad an nichts
gespart: Die Rahmen waren aus dem besten Stahl, der
damals zu haben war, sie wurden in mehreren Schichten
emailliert (28 Arbeitsgänge erforderte so eine Lackierung,
und es dauerte 2 Wochen bis zu ihrer Fertigstellung),
die blanken Teile wie Lenker oder Kurbeln waren so
vernickelt, dass diese Schicht laut Hersteller ewig
halten sollte, ohne abzublättern.
|
|
es muss nicht immer
Vollscheibe sein: ALFA Rad aus 1913 mit Sternscheibe |
| Das Aushängeschild
aber war die Tretkurbel, die sogenannte Vollscheibe.
Diese Modeerscheinung aus der Zeit zwischen 1905 und
1915 kann man
hauptsächlich an österreichischen und böhmischen Rädern
finden (Böhmen gehörte ja damals zur Donaumonarchie).
Diese Scheiben waren geschmackvoll verziert, man kann
darauf den Namen des Herstellers finden, umgeben von
Blumenornamenten, oder auch nur Verzierungen im Jugendstil,
manches mal nützte auch ein Händler die Gelegenheit,
um auf dieser Scheibe seinen Namen anzubringen und
auf diese Art damit zu werben.
|
|
Warrant Kaufhausrad
mit Konfektionsscheibe aus 1912, vor der Restaurierung |
| Luxusräder
trugen die Verzierungen auf beiden Seiten der Scheibe,
die normale Ausführung war aber nur einseitig graviert
– ein Problem bei Restaurationen heute stellt oftmals
die Verlauflackierung dar, mit denen die Scheibe unterlegt
war. Nach 1914, als Autos und Motorräder das Fahrrad
als Luxusartikel schon verdrängt hatten (auch Angestellte,
Arbeiter und Hausfrauen konnten sich jetzt ein Velo
leisten), nahm auch die Fertigungsqualität ab – und
auf Sonderausstattungen wurde verzichtet. Die luxuriöse
Vollscheibe verschwand von den Fahrrädern.
|
  |
Puch
Luxus - Herrenrad, Graz ca. 1910 |
 |
|
|
|
weitere Themen im Archiv:
|