Das Safety verdrängt
das Hochrad

Hillman, Herbert & Coopers "Kangaroo",
1884
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Hochradfahren war gefährlich. Man saß
sehr hoch, fast mittig über der Vorderradnabe,
so dass der Schwerpunkt sehr weit vorn lag. Das kleinste
Hindernis genügte, und die Fuhre kippte vornüber.
Da die Füße vom Lenker behindert wurden,
konnte man sich nicht gut abrollen. Ein derartiger
Sturz, im Fachjargon „Header“ genannt, war gefürchtet,
weil er meist mit schweren Verletzungen, häufig
auch mit dem Tod des Velozipedisten durch Genickbruch
endete. Es gab natürlich Dreiräder. Diese
waren sicher, entsprachen aber in keiner Weise den
Anforderungen in Punkto Sportlichkeit, Schnelligkeit
und Eleganz, die sich die Pedalisten vom Radfahren
erwarteten. Von den Herstellern ohnehin nur für
„ältere Herrschaften, Ärzte und Damen“ gedacht,
wurden sie wegen ihres exorbitant hohen Preises hauptsächlich
vom Adel benutzt. Dessen Mitglieder sahen es unter
ihrer Würde an, die körperlichen Anstrengungen
des Hochradfahrens auf sich zu nehmen.

John Kemp Starleys "Rover
Model I", 1884 |
So zerbrachen sich die Hersteller die Köpfe,
um Konstruktionen zu entwickeln, die das Radfahren
sicherer machen sollte. Sie kamen dabei auf unterschiedliche
Lösungen, die alle mit dem Oberbegriff „Safety
Bicycle“ (Sicherheits Zweirad), bezeichnet wurden.
So hieß jedes Modell, dessen hauptsächliches
Konstruktionsmerkmale auf Fahrsicherheit ausgelegt
war. Vorerst galt das für Hochradtypen wie das
„American Star“, dessen kleines Rad vor dem großen
lag, das „Kangaroo“, dessen Vorderrad wegen einer
Übersetzung wesentlich kleiner als beim „Ordinary“
gehalten war, und jede Maschine, deren Schwerpunkt
so weit nach hinten verlagert war, das er mehr über
dem Hinterrad lag.

Invincible " X - Frame
Safety", 1887 |
Heute meint man mit „Safety“ aber jene Maschinen,
deren Räder annähernd gleich groß
sind und die Kettenantrieb zum Hinterrad aufweisen.
Wer zuerst ein derartiges Modell vorstellte, ist wie
beim Velocipede wieder umstritten. George Shergoulds
Safety soll 1879 hergestellt worden sein, das französische
Guilmet & Meyer sogar schon 1869. Obwohl beide
Räder erhalten sind, fehlt jegliche Beweisführung
für diese Datierung. So dürfte doch Henry
John Lawson als erster ein derartiges Safety konstruiert
haben, das Bicyclette, das er 1879 bei der Stanley
Show dem Publikum präsentierte. Sein Vorderrad
war kleiner als das Hinterrad, und wurde mittels Schubstangen
indirekt gelenkt. Dieselben Merkmale hatte das von
John Kemp Starley (ein Neffe des „Hochraderfinders“
James Starley) 1884 vorgestelltes Modell Rover I,
nur war bei ihm das Hinterrad kleiner. Aber noch im
selben Jahr entwickelte er das Rover II, ein Fahrrad,
dessen Grundtyp bis heute Bestand hat. Zwei gleich
große Räder (30“), Kettenantrieb zum Hinterrad,
direkte Lenkung, Diamantrahmen, und der Fahrer saß
ziemlich genau über dem Tretlager.

Linley & Biggs "the
Whippet", GB 1888 |
Pope Man. Comp., Columbia Light
Roadster USA 1891 |
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Fabrique National d' Arms et
Guerre FN Chainless Safety, B 1889 |
Alle Hersteller übernahmen diesen Typ bzw. entwickelten
ihn weiter, und schon 1889 betrug der Ausstoß
an Safetys 90% der Gesamtproduktion an Fahrrädern.
Trotzdem dauerte es noch 10 Jahre, bevor die Hochräder
den wesentlich praktischeren und schnelleren Niederrädern
weichen mussten. Es gab heftige Kontroversen zwischen
Hoch- und Niederradfans. Die Niederräder wurden
als „Dwarf Safetys“, als Zwergenräder beschimpft,
die Hochräder erhielten den Spitznamen „Penny
Farthing“, nach der jeweils größten und
kleinsten in England verwendeten Münze. Den Dolchstoß
versetzte den Hochrädern eine Erfindung John
Boyd Dunlops von 1887, die in Wirklichkeit Robert
William Thompson schon 1842 gemacht hatte (allerdings
ohne Wissen Dunlops), die Luftbereifung. Sie verhalf
den Niederrädern zu wesentlich mehr Fahrkomfort,
und machte sogar die bis dahin verwendeten Federungen
überflüssig. Wohl fand sie auch bei Hochrädern
Verwendung, erwies sich dort aber als zu unpraktisch
und defektanfällig.
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