Das Rennrad - Werbung durch Rennerfolge

Radrennen stellen nicht nur eine Möglichkeit für sportlich ambitionierte Velozipedisten dar, sich im Wettstreit mit Gleichgesinnten zu messen, sie bieten auch den Herstellern ein Podium, neue technische Innovationen einem Härtetest zu unterziehen und Rennerfolge durch Werbung in Verkaufserfolge umwandeln zu können („win on sunday, sell on monday“).

Das erste Radrennen fand vermutlich statt, als zwei Laufradfahrer zufällig aufeinander trafen. Das erste (schriftlich erfasste) Rennen wurde mit Pedalvelozipeden ausgetragen. 1867 hatte Pierre Michaux seine Maschine bei der Weltausstellung in Paris der Öffentlichkeit präsentiert, und schon am 31. Mai 1868 fand in St. Cloud / Paris ein Bahnrennen statt, das von dem in Frankreich lebenden Engländer James Moore gewonnen werden konnte. Moore war es auch, der im ersten Straßenrennen siegreich blieb, der am 9. 11. 1868 ausgetragenen Fahrt über 123 Kilometer von Paris nach Rouen. 323 Teilnehmer hatten für diesen Event gemeldet, 100 Velozipedisten, darunter 4 Frauen, waren mit ihren Ein-, Zwei-, Drei- und Vierrädern tatsächlich am Start. Moore erreichte dabei eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 Km/h. Radrennen entwickelten sich schnell zu einem beliebten Spektakel für die Zuschauer. Durch ausführliche Berichterstattung in allen Zeitungen verbreiteten sie sich rasch in aller Herren Länder. Friedrich Maurer hatte das Tretkurbelrad nach Österreich gebracht, und er war es auch, der das erste heimische Rennen gewinnen konnte – am 29. Mai 1870, veranstaltet vom „Wiener Velocipede Club“ im Prater. Die erste, noch inoffizielle Weltmeisterschaft wurde 1874 in England abgehalten und sah erneut James Moore als Sieger. Die schmiedeeisernen Velozipede mit den Holzreifen hatten inzwischen den leichten, stählernen Hochrädern weichen müssen. Die Vorderräder der Velozipede waren zur Erreichung größerer Geschwindigkeit immer größer geworden, bevor sie von den Veranstaltern auf eine Höhe von 110cm limitiert wurden. Ihre Nachfolger, die Hochräder hingegen wiesen beim Renneinsatz einen Vorderraddurchmesser von bis zu 152cm auf! 1875 dann wurde das erste Six Days in Newcastle abgehalten und von Frank Waller gewonnen. Die Six Days, anfangs ein Einzelrennen, bei denen der Fahrer in sechs Tagen möglichst viele Kilometer zurücklegen musste, entwickelten sich schnell zu einer Publikumsattraktion ersten Ranges. Überall schossen Rennbahnen aus dem Boden, meist um die 400 Meter lang und mit Asche oder Schlacke belegt. Das Publikum hielt sich auf überdachten Tribünen an der Außenseite der Ovalbahn auf, innen befanden sich Funktionäre, Trainer und Betreuer. Ab 1896 gab es Six Days Rennen für Frauen, deren Fahrzeit war auf 4 Stunden am Tag beschränkt. Die größte Radrennbahn außerhalb Englands wurde 1884 in Graz eröffnet (wo sich auch die erste Radrennschule der Welt befand) und war 690 Meter lang.

Demon Safety Racer, GB um 1889

Rudge X-Frame Board TrackRacer, GB 1902

Der Streit zwischen Profis und Amateuren erforderte eine getrennte Wertung, die 1879 festgelegt wurde. Amateure, die damals „Herrenfahrer“ genannt wurden, erhielten kein Preisgeld, nicht einmal die Spesen für Anreise und Verpflegung wurden ersetzt. Dafür wurde ihre Leistung höher eingeschätzt als diejenige der „Preisgeldfahrer“, der Profis. Diese wurden von Rennstallbesitzern unter Vertrag genommen und waren meist von sehr kleiner und leichter Statur, ähnlich den heutigen Jockeys. Überhaupt war der Rennbetrieb den heutigen Pferderennen sehr ähnlich. Ein Radrennen war ein gesellschaftliches Ereignis, das man nicht versäumen durfte. Es gab an der Rennstrecke Wettbüros, Verpflegungszelte, Musikkapellen und Anzeigetafeln mit den aktuellen Wettquoten und Ergebnissen. Die Hochrad– Rennmaschinen waren ultraleicht (um die 10 Kilo) und hatten weder Aufstieg noch Bremsen. Die Rennfahrer wurden von ihren Betreuern auf die Maschinen gehoben und angeschoben, gebremst wurde mittels Lederhandschuh direkt am Reifen.

Puch Model Ia Straßen-Rennrad, A 1903

Premier Helical Mod. III "Flieger", CS 1908

Caminargent " Paris - Roubaix", F 1937

Um 1885 bekamen die Hochräder Konkurrenz von den Safetys. Diese waren weniger gefährlich und wegen ihrer Übersetzung auch schneller, aber weniger spektakulär. Um die technische Überlegenheit der Safetys zu demonstrieren, war wieder ein Rennen notwendig. Es führte über 100 Meilen, und George Smith konnte mit seinem Rover Safety den Rekord über diese Distanz auf 7 Stunden und 5 Minuten drücken. Der Amerikaner Charlie Murphy war 1889 der erste Mensch, der auf einem Fahrrad schneller als 100 km/h fuhr! Durch die Safetys wurden auch Straßenrennen wieder interessant, welche meist in Form von Distanzfahrten ausgetragen wurden. Trotzdem fand die erste offizielle Weltmeisterschaft für Amateure auf einer Bahn statt, und zwar in Chikago / USA. Titeln wurden vergeben für Flieger über 1 Meile und 10 Kilometer, sowie für Steher über 100 Kilometer. Der Belag der Bahnen bestand jetzt meist aus Holz, auch völlig überdachte Hallen waren entstanden, die einen Winterbetrieb möglich machten.

Dusika Wien - Graz - Wien, A 1952

Opel Modell ZR III, D 1925

Aus einem Streit zweier Fachzeitungen (der „Le Velo“ und der „L‘ Auto Velo“) entstand 1903 das bis heute berühmteste Radrennen, die Tour de France. Bis auf die Kriegsjahre wurde es ohne Unterbrechung bis heute ausgetragen, und ist somit der älteste Klassiker. Viele technische Neuerungen wurden speziell für die Tour de France entwickelt oder dort erstmals ausprobiert – Schaltungen allerdings waren bis in die 30er Jahre verboten (obwohl sie sonst schon seit der Jahrhundertwende in Verwendung waren). Auch das gelbe Trikot des Führenden wurde erstmals bei der Tour benützt. Henri Desgrange, ehemaliger Rennfahrer, Herausgeber der „L‘ Auto Velo“ und Erfinder der Tour, kennzeichnete den jeweils Führenden mit einer gelben Armschleife, ein Hinweis auf die gelben Seiten seiner Zeitung. Ab 1919 löste ein gelbes Trikot die Schleife ab. Die Tour de France fand schnell Nachahmer. 1909 rief die italienische „Gazetto della Sport“ ein Rennen nach ihrem Vorbild ins Leben, den ebenfalls heute noch gefahrenen Giro de Italia. Die erste Österreich Radrundfahrt fand erst nach dem Krieg, und zwar 1947 statt (Sieger war der Franzose Rennonce).

Lotus Sports Bahnmaschine, GB 1986
Kohlefaserrahmen mit Monoblade Gabel

Das Rennrad hat sich in den letzten 130 Jahren immer weiter entwickelt. Ein direkter Vergleich der Fahrer fällt schwer, haben sich außer den Maschinen doch auch die Beläge der Straßen und Bahnen immer mehr den höheren Geschwindigkeiten angepasst. Am ehesten halten die Bahnrekorde noch einem Vergleich stand, wo die technischen Innovationen fast ausschließlich den Rahmenbau betrafen. Eisen wurde von Stahlrohren abgelöst, mit Holz, Bambus und Aluminium wurde experimentiert, und heute hat schon die Zukunft mit Materialien wie Titan oder Karbon Einzug gehalten. Wurde 1878 beim Stundenweltrekord die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit mit 25,598 Km/h festgehalten, so liegt sie heutzutage doppelt so hoch.

 

nach oben

 

das Laufrad

das Velocipede

das Hochrad

das Safety

das Niederrad

das Damenrad

das Rennrad

das Waffenrad