Das Niederrad - Radfahren
wird zum Volkssport

"New Whippet" 4 Speed,
GB 1898 |
1905 wurde der Fichtel & Sachs Doppeltorpedo
vorgestellt, und auch eine Maschine mit 10 Gang Schaltung
war schon auf dem Markt: Terrot`s Levocyclette, das
auf dem schwedischen „Svea“ basierte. Stahl war das
Maß aller Dinge beim Rahmenbau, trotzdem wurden
auch andere Materialien verwendet: Es fanden schon
erste Versuche mit Aluminium statt, die Amerikaner
formten Rahmen und Felgen aus Hickoryholz, in England
und Asien wurden dafür Bambusrohre verwendet.
Auch in Österreich gab es einen Hersteller, der
ausschließlich Bambusräder erzeugte: Grundner
& Lemisch in Kärnten. Leider ist Holz und
Bambus weniger langlebig als Stahl, deshalb sind sehr
wenig Exemplare davon erhalten.

Styria Mod. XI Doppelniederrad,
A 1896 |
Um die Jahrhundertwende erlebte das Fahrrad seine
absolute Hochblüte. Die Niederräder gestalteten
das Radfahren relativ ungefährlich und unproblematisch,
und obwohl Fahrräder immer noch sehr teuer waren,
mochte sich niemand dieser Faszination entziehen.
Auch die Frauen hatten den „Drahtesel“ für sich
entdeckt. War knapp 100 Jahre zuvor für Frauen
sogar das Eislaufen verboten, so entledigten sie sich
jetzt ihrer luftabschnürenden Korsetts und hoben
die Emanzipation aufs Rad. Und für weniger Emanzipierte
gab es die beliebten Tandems, bei denen man zusammen
mit seinem Partner der Lust des Radfahrens frönen
konnte – hintereinander sitzend, oder, wie beim Compagnion
Rad, sogar nebeneinander. Die Grenze zwischen Safetys
und Niederrädern verläuft äußerst
schwammig. Um 1895, nachdem die Hochräder von
den Straßen verschwunden waren, war praktisch
jedes Fahrrad ein Safety. Die deutsche Bezeichnung
dafür war immer schon „niederes Zweirad“, später
hießen sie wieder nur mehr Bicycle oder eben
Fahrrad. Heute versteht man in Sammlerkreisen unter
einem „Safety“ ein vollgummibereiftes Niederrad der
Ära gleich nach den Hochrädern, wogegen
ein „Niederrad“ mit Luftbereifung und meist schon
mit Freilauf ausgestattet ist.

Dursley Pedersen Triangelrahmen,
GB 1902 |

Columbia 2Speed Roadster, USA
1907 |
In der Zeit um 1895 hatte sich der Diamantrahmen
gegenüber allen anderen Rahmenformen als überlegen
erwiesen, die Räder verschiedener Hersteller
unterschieden sich in ihrer Silhouette kaum voneinander.
Experimentiert wurde eher beim Antrieb und beim verwendeten
Material. Kardanantrieb war eine echte Alternative
zur Kette, das erste in großer Stückzahl
gebaute Kardanrad war das belgische FN im Jahre 1889.
Um die Jahrhundertwende hatte jeder Hersteller Räder
mit Wellenantrieb im Programm. Schaltungen fanden
in einfacher Form im Tretlager schon 1869 bei Velocipeden
Verwendung, 1895 wurde S. T. Johnsons 2 Gang Fahrradnabe
in Großbritannien patentiert. Johnson gilt als
„Vater der modernen Gangschaltung“. 1899 hatte der
englische Cyclists Touring Club schon mehr als 60.000
Mitglieder, in Großbritannien ebenso wie in
Frankreich wurde der Fahrradbestand auf jeweils eine
Million Exemplare geschätzt, in Deutschland etwa
die Hälfte. Der Drahtesel hatte längst seinen
Siegeszug um die Welt angetreten, sogar bis in die
unwirtlichsten Gegenden Alaskas stießen unerschrockene
Velozipedisten vor, angelockt vom großen Goldrausch
in Klondike am Yukon 1898. Allerdings löste dieser
Boom nicht nur Begeisterung aus. Die Radfahrer hatten
ihr Freizeitverhalten völlig geändert, was
den Ruin zahlreicher anderer Wirtschaftszweige zur
Folge hatte: Es wurde nicht mehr soviel gelesen, beim
Radfahren wurde nicht geraucht, die Pferdehändler
blieben auf ihrer Ware sitzen und der Absatz von Musikinstrumenten
ging zurück. 40% aller Schneider gingen Bankrott,
anstatt teurer Maßanzüge kaufte man sich
billige Fahrradkleidung von der Stange. Und statt
des sonntäglichen Kirchgangs unternahm man einen
Radausflug ins Grüne, weshalb ein amerikanischer
Geistlicher bemerkte: „Das Fahrrad führt direkt
auf eine Straße, auf der es keinen Schlamm mehr
gibt – wegen der dort herrschenden Hitze“.
Hengstenberg & Co. Ankerwerke
Niederrad mit Alu Fischhaut,
D 1896 |

Wittler mit Rappa 4 Gang Getriebe,
D 1936 |

Wisent Einheitsfahrrad, A 1938 |
Um 1920 begann die Euphorie nachzulassen oder schwappte
aufs Auto über. Das Fahrrad verlor seinen Anspruch
als Luxusartikel, es verkümmerte zu einem Gebrauchsgegenstand
für die Allgemeinheit. Das hatte zur Folge, dass
von den Herstellern keine technischen Innovationen
mehr eingebracht wurden und auch die Fertigungsqualität
sank: Um konkurrieren zu können, mussten die
Räder billiger werden. Erstaunlicherweise war
es in den 30er Jahren, mitten in der Weltwirtschaftskrise,
als wieder teurere Modelle vorgestellt wurden: Getriebeschaltungen,
Vorderradfederungen, und Luxus Cruiser (in Amerika)
kamen auf den Markt. Diese ließen sich zwar
schwerer verkaufen, weckten aber wieder das Interesse
am Rad und verhalfen so den billigen Modellen zu größeren
Absatzzahlen. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man
bei uns verständlicherweise andere Sorgen als
die Weiterentwicklung des Fahrrads. Die über
den Krieg geretteten Vorkriegsräder stellten
häufig das einzig verfügbare Transportmittel
dar, für ein neues Rad hatten die wenigsten Geld
übrig. Und später war man froh, auf das
Fahrrad verzichten und sich wieder ein motorisiertes
Fortbewegungsmittel leisten zu können. So dauerte
es bis in die 80er Jahre, bevor - durch den Mountain
Bike Boom ausgelöst – das Fahrrad wieder den
Stellenwert erhielt, der ihm aufgrund seiner Geschichte
zusteht
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