Das Niederrad - Radfahren wird zum Volkssport

1905 wurde der Fichtel & Sachs Doppeltorpedo vorgestellt, und auch eine Maschine mit 10 Gang Schaltung war schon auf dem Markt: Terrot`s Levocyclette, das auf dem schwedischen „Svea“ basierte. Stahl war das Maß aller Dinge beim Rahmenbau, trotzdem wurden auch andere Materialien verwendet: Es fanden schon erste Versuche mit Aluminium statt, die Amerikaner formten Rahmen und Felgen aus Hickoryholz, in England und Asien wurden dafür Bambusrohre verwendet. Auch in Österreich gab es einen Hersteller, der ausschließlich Bambusräder erzeugte: Grundner & Lemisch in Kärnten. Leider ist Holz und Bambus weniger langlebig als Stahl, deshalb sind sehr wenig Exemplare davon erhalten.

Styria Mod. XI Doppelniederrad, A 1896

Um die Jahrhundertwende erlebte das Fahrrad seine absolute Hochblüte. Die Niederräder gestalteten das Radfahren relativ ungefährlich und unproblematisch, und obwohl Fahrräder immer noch sehr teuer waren, mochte sich niemand dieser Faszination entziehen. Auch die Frauen hatten den „Drahtesel“ für sich entdeckt. War knapp 100 Jahre zuvor für Frauen sogar das Eislaufen verboten, so entledigten sie sich jetzt ihrer luftabschnürenden Korsetts und hoben die Emanzipation aufs Rad. Und für weniger Emanzipierte gab es die beliebten Tandems, bei denen man zusammen mit seinem Partner der Lust des Radfahrens frönen konnte – hintereinander sitzend, oder, wie beim Compagnion Rad, sogar nebeneinander. Die Grenze zwischen Safetys und Niederrädern verläuft äußerst schwammig. Um 1895, nachdem die Hochräder von den Straßen verschwunden waren, war praktisch jedes Fahrrad ein Safety. Die deutsche Bezeichnung dafür war immer schon „niederes Zweirad“, später hießen sie wieder nur mehr Bicycle oder eben Fahrrad. Heute versteht man in Sammlerkreisen unter einem „Safety“ ein vollgummibereiftes Niederrad der Ära gleich nach den Hochrädern, wogegen ein „Niederrad“ mit Luftbereifung und meist schon mit Freilauf ausgestattet ist.

Dursley Pedersen Triangelrahmen, GB 1902

Columbia 2Speed Roadster, USA 1907

In der Zeit um 1895 hatte sich der Diamantrahmen gegenüber allen anderen Rahmenformen als überlegen erwiesen, die Räder verschiedener Hersteller unterschieden sich in ihrer Silhouette kaum voneinander. Experimentiert wurde eher beim Antrieb und beim verwendeten Material. Kardanantrieb war eine echte Alternative zur Kette, das erste in großer Stückzahl gebaute Kardanrad war das belgische FN im Jahre 1889. Um die Jahrhundertwende hatte jeder Hersteller Räder mit Wellenantrieb im Programm. Schaltungen fanden in einfacher Form im Tretlager schon 1869 bei Velocipeden Verwendung, 1895 wurde S. T. Johnsons 2 Gang Fahrradnabe in Großbritannien patentiert. Johnson gilt als „Vater der modernen Gangschaltung“. 1899 hatte der englische Cyclists Touring Club schon mehr als 60.000 Mitglieder, in Großbritannien ebenso wie in Frankreich wurde der Fahrradbestand auf jeweils eine Million Exemplare geschätzt, in Deutschland etwa die Hälfte. Der Drahtesel hatte längst seinen Siegeszug um die Welt angetreten, sogar bis in die unwirtlichsten Gegenden Alaskas stießen unerschrockene Velozipedisten vor, angelockt vom großen Goldrausch in Klondike am Yukon 1898. Allerdings löste dieser Boom nicht nur Begeisterung aus. Die Radfahrer hatten ihr Freizeitverhalten völlig geändert, was den Ruin zahlreicher anderer Wirtschaftszweige zur Folge hatte: Es wurde nicht mehr soviel gelesen, beim Radfahren wurde nicht geraucht, die Pferdehändler blieben auf ihrer Ware sitzen und der Absatz von Musikinstrumenten ging zurück. 40% aller Schneider gingen Bankrott, anstatt teurer Maßanzüge kaufte man sich billige Fahrradkleidung von der Stange. Und statt des sonntäglichen Kirchgangs unternahm man einen Radausflug ins Grüne, weshalb ein amerikanischer Geistlicher bemerkte: „Das Fahrrad führt direkt auf eine Straße, auf der es keinen Schlamm mehr gibt – wegen der dort herrschenden Hitze“.

Hengstenberg & Co. Ankerwerke
Niederrad mit Alu Fischhaut, D 1896

Wittler mit Rappa 4 Gang Getriebe,
D 1936

Wisent Einheitsfahrrad, A 1938

Um 1920 begann die Euphorie nachzulassen oder schwappte aufs Auto über. Das Fahrrad verlor seinen Anspruch als Luxusartikel, es verkümmerte zu einem Gebrauchsgegenstand für die Allgemeinheit. Das hatte zur Folge, dass von den Herstellern keine technischen Innovationen mehr eingebracht wurden und auch die Fertigungsqualität sank: Um konkurrieren zu können, mussten die Räder billiger werden. Erstaunlicherweise war es in den 30er Jahren, mitten in der Weltwirtschaftskrise, als wieder teurere Modelle vorgestellt wurden: Getriebeschaltungen, Vorderradfederungen, und Luxus Cruiser (in Amerika) kamen auf den Markt. Diese ließen sich zwar schwerer verkaufen, weckten aber wieder das Interesse am Rad und verhalfen so den billigen Modellen zu größeren Absatzzahlen. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man bei uns verständlicherweise andere Sorgen als die Weiterentwicklung des Fahrrads. Die über den Krieg geretteten Vorkriegsräder stellten häufig das einzig verfügbare Transportmittel dar, für ein neues Rad hatten die wenigsten Geld übrig. Und später war man froh, auf das Fahrrad verzichten und sich wieder ein motorisiertes Fortbewegungsmittel leisten zu können. So dauerte es bis in die 80er Jahre, bevor - durch den Mountain Bike Boom ausgelöst – das Fahrrad wieder den Stellenwert erhielt, der ihm aufgrund seiner Geschichte zusteht

 

nach oben

 

das Laufrad

das Velocipede

das Hochrad

das Safety

das Niederrad

das Damenrad

das Rennrad

das Waffenrad