Das höfliche Tandem

 

Tandemfahren heute: der schneidige, sportliche Bursch sitz vorne, tief über den Lenker gebeugt. Er tritt in die Pedale, was das Zeug hält, Schweiß rinnt ihm nicht nur über die Stirn, auch sein Trikot ist getränkt davon. Das ist dann auch das einzige, was seine Begleiterin, die auf dem heißen Stuhl hinter ihm sitzt, von ihm sieht. Sie muss mit, sie muss sein Tempo halten, auch sie sitzt tief gebückt in seinem Windschatten. Wo das Ziel liegt, weiß sie nicht, auch vom Weg dorthin bekommt sie nicht allzu viel zu sehen – möglichst schnell da zu sein, das ist der beiden vordringlichste Bestrebung

 

"ganz unhöfliches" J. Otis Tandem 1935, rechts ein Herrentandem prominent besetzt.

Tandemfahren gestern: stolz sitzt die junge Velozipedistin vorne, ihr Rüschenrock weht kess im Wind. Sie hält das Steuer in der Hand, sie bestimmt den Weg, sie gibt das Tempo an. Ihr Kavalier, der etwas erhöht hinter ihr sitzt, schaut ihr einmal links, dann wieder rechts über die Schulter, je nachdem, in welche Richtung die nächste Kurve weist. Dass auch er am Lenker zieht (und eigentlich er es ist, der die Richtung bestimmt), hat seinen Grund in der Technik dieses Tandems. Beide Lenker sind, je nach Bauart, mit einem Seilzug, einer Kette oder einem Gestänge verbunden. Wohin der hinten Sitzende einschlägt, muss auch der vordere mitlenken. Und vorne sitzt auf der Tandems aus der Zeit zwischen 1890 und 1910 im Regelfall die Frau, deshalb ja auch die Bezeichnung „höfliches Tandem“. Ein Hauptgrund dieser Bauart liegt aber weniger in der guten Erziehung der Velozipedisten, sondern darin, dass man diese Art Fahrrad von hinten ganz gut alleine bewegen kann, auch wenn man einmal keine Begleiterin gefunden hat (was aber bei der damaligen Beliebtheit des Radfahrens ohnehin selten passiert sein mag).

 

frühe amerikanische Tandems um 1890, verewigt auf Briefmarken

Schon der Freiherr zu Drais wusste, dass es viel netter wäre, wenn man bei einem Ausflug mit dem Velociped von jemandem begleitet würde, mit dem man gut harmoniert. Deshalb hat er auf seiner dreirädrigen Laufmaschine aus 1913 auch vorne Platz für einen Passagier vorgesehen (dass dieser Entwurf nicht in Serie ging, lag an den schlechten Straßenverhältnissen, die ein Fortkommen mit einem mehrspurigen, muskelbetriebenen Fahrzeug schlicht unmöglich machte). Auch bei den Velocipeden oder Knochenschüttlern (wie sie auch genannt wurden) und später bei den Hochrädern hat man mit Mehrsitzern experimentiert, ohne allerdings etwas gescheites zustande zu bringen. Bei den Dreirädern aber gab es durchaus praktikable Lösungen, zwei Personen konnten hier je nach Bauart nebeneinander oder hintereinander sitzen und sich den Kraftaufwand beim Fahren teilen. Viel gefahren sind diese riesigen Gefährte aber nicht, es war eher ein moderner Zeitvertreib für Wohlhabende, auf Schotterwegen in Parkanlagen vor Publikum zu pedalieren.

 

Meteor Modell 55, höfliches Tandem aus Graz / Österreich, Baujahr 1899

Der echte Startschuss für Mehrsitzer kam mit dem Safety oder Niederrad, das auch sonst dem Fahrrad zum großen Durchbruch in allen Gesellschaftsschichten verhalf. „Ivel“ hieß dieses erste Fahrrad, bei dem zwei Personen hintereinander gefahrlos radeln konnten, gebaut wurde es 1886 von „Smiling“ Dan Albone, der es allerdings erst am 24. Januar 1888 zum Patent anmeldete (da gab es auch schon andere Tandems, zB. das Lightning von Hall & Phillips). Gemeinsam war allen diesen Konstruktionen, dass man sie mit ein paar Handgriffen in einen Einzelsitzer zurückverwandeln konnte. Als sich aber herausstellte, dass die Tandems durchaus Anklang beim radfahrenden Volk fanden, baute man sie künftig nur mehr mit fixem Rahmen – weil das auch stabiler war. Der Begriff Tandem hatte sich da auch schon als feste Terminologie eingebürgert (Tandem ist lateinisch für „endlich“ und kommt aus dem Pferdesport).

 

"der gelbe Kumpel" aus Amerika: Stearns "Yellow Fellow" Convertible Tandem, 1902

Tandemfahren kommt zwar wieder in Mode, aber auf den Straße wirken die Doppelsitzer eher exotisch – wenn man zu zweit auf einem solchen Rad unterwegs ist, kann man sicher sein, dass sich Passanten wieder nach einem umdrehen – wie einst vor 100 Jahren. Nur ist es möglich, dass der/die Hintere das gar nicht bemerkt: siehe oben, unter Tandemfahren heute.

 

 

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