Das Hochrad - ein Welterfolg
im Industriezeitalter
Beim ersten Hinsehen mögen alle Hochräder
gleich aussehen, aber beschäftigt man sich näher
mit ihnen, erkennt man erst, welch technische Evolution
das hohe Zweirad in den 20 Jahren seines Daseins durchgemacht
hat. nach 1867 hat sich das Veloziped über die
ganze Welt verbreitet. Einige Hersteller begannen
mit der Produktion und gleichzeitig Verbesserung der
schweren und plumpen Maschine. Das schmiedeeiserne
Gestell wich einem Rahmen aus Stahlrohr, die Holzräder
wurden gegen Stahlfelgen ausgetauscht, die mit einem
Vollgummiband umspannt waren, und das Vorderrad wurde
immer größer, wogegen das hintere zu einem
reinen Stützrad verkümmerte (was den Aufstieg
erleichterte). Das machte das Rad schneller, denn
je größer der Durchmesser, desto weiter
ist der Weg, den man mit einer Pedalumdrehung zurücklegen
kann.

James Starley's "Ariel",
GB 1871 |
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Keen's "Eclipse",
GB 1875 |
Der erste, der alle diese Neuerungen in einem Modell
vereinte, war der Engländer James Starley, der
deswegen als „Vater des Hochrads“ gilt (obwohl die
Franzosen für Eugene Meyer reklamieren). Bis
1870 war Starley als Vorarbeiter bei der Coventry
Machinists Company (CMC) beschäftigt. Unter seinen
Mitarbeitern befanden sich Persönlichkeiten wie
William Hillman und George Singer, die später
durch die Gründung eigener Fahrradfirmen bekannt
wurden. 1871 verließ Starley mit Obengenannten
die CMC, um seine eigene Firma aufzubauen: Starley
& Co. Sein erstes Fahrrad, das „Ariel“, sollte
für die nächsten 10 Jahre die technische
Grundlage für die Fahrradentwicklung darstellen.
Es besaß einen leichten Stahlrahmen und eine
vollgummibereifte Stahlfelge, die durch Drehung gegenüber
der Nabe alle Speichen auf einmal spannte.
Sogar eine Damenausführung und ein Modell mit
Übersetzung stellte er vor. Nachdem William Grout
1871 ein Zugspeichenrad (Grout Tension Wheel oder
auch Spider Wheel genannt) für das Hochrad entwickelt
hatte, das allerdings auf Eugene Meyers Erfindung
von 1869 basierte, ließen Starley und Hillman
1874 erneut aufhorchen, indem sie das Tangentialspeichenrad
patentieren ließen, wie es heute noch in den
meisten Fahrrädern verwendet wird. Der nächste
Innovationsschub kam von Daniel Rudge. Er baute in
seinem Gasthaus schon seit einigen Jahren Hochräder,
die stark auf dem „Ariel“ basierten. 1878 erfand er
eine Kugellagernabe, die der französische Rennfahrer
Charles Terront durch Rennerfolge bekannt machte.
Schon ein Jahr später war sie in allen Maschinen
Standard. Ebenfalls erwähnenswert ist John Keen,
einer der größten Rennfahrer seiner Zeit.
Er konstruierte verbesserte Lager, Reifen, die sich
nicht lösten und Rennpedale mit Halterung (Rattrap
Pedale). Sein Modell „Eclipse“ galt als schönstes
und bestes Hochrad seiner Zeit.

Hyde & Wigful "the
Lord", GB 1886 |
Ab 1880 war der Siegeszug des Fahrrads nicht mehr
aufzuhalten. Allein in England gab es um die 700 Firmen,
die sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von
Zweirädern (wie sie damals noch lapidar genannt
wurden) und derem Zubehör beschäftigten.
Außer in Frankreich hinkten die anderen europäischen
Länder etwas nach, wo sich die Fahrräder
erst ab ca. 1885 zu verbreiten begannen. Anders in
den USA. Colonel Albert Pope begann 1878, die „Duplex
Excelsior“ Maschinen der englischen Firma Bayliss,
Thomas & Co. in Lizenz zu bauen. Doch schon bald
brachte er mit dem „Columbia“ sein eigenes Modell
auf den Markt. Da Pope Pierre Lallements Patentrechte
für Amerika aufgekauft hatte, konnte er von allen
anderen auf den Markt drängenden Herstellern
(wie der Overman Wheel Comp. oder Gormully & Jeffery)
Lizenzgebühren verlangen, was die technische
Entwicklung in den USA für einige Jahre bremste.
In England waren die Bicyclisten mittlerweile gut
organisiert. Es gab zahlreiche Vereine, deren größte,
der Pickwick Bicycle Club oder der London Bicycle
Club, jeweils mehr als 1000 Mitglieder zählten!
Es entstanden die ersten Radzeitungen, Fernfahrten,
Rennen und sogar Weltmeisterschaften wurden ausgetragen.
Auf der Stanley Bicycle Show wurden alljährlich
unter den Augen der ganzen Welt die neuesten Modelle
vorgeführt.

Johann Puch Werke
Styria Rennhochrad, luftbereift
Graz / A, 1892 |
Die bekannt gute Qualität der englischen Räder
war natürlich eine starke Konkurrenz für
die wenigen heimischen Firmen, die sich an die Fabrikation
von Hochrädern gewagt hatten. In der Donaumonarchie
versuchten unter anderem die Firmen Greger, Styria,
Goldeband, Wiegele, Schäffler und Jax (in Linz)
ihre Produkte an den Mann zu bringen. Nicht alle Teile
kamen aus der eigenen Fabrik, viele Komponenten wurden
auch zugekauft, meist aus England. Am meisten Erfolg
hatte die Maschinenfabrik des Johann Kohout aus Smichov
bei Prag. Unterstützung erhielt Kohout dabei
von seinen Söhnen Josef und Franz, die zahlreiche
Renngewinne einfuhren und damit einen beachtlichen
Werberfolg erzielten.
Das Ende der Hochradära war allerdings schon
abzusehen. Die ab 1884 von jeder Firma ins Programm
genommenen Sicherheitsräder sollten sich auf
lange Sicht als besser durchdacht, technisch ausgereifter
und vor allem weniger gefährlich erweisen. Die
gefürchteten „Header“, die Stürze kopfüber
vom Rad, die nicht selten mit Genickbruch endeten,
waren bei diesen „Safetys“ fast ausgeschlossen. Trotzdem
sollte es noch bis kurz vor die Jahrhundertwende dauern,
bevor die letzten Hochräder von den Straßen
verschwunden waren. Die Elite der Hochradartisten
fand es lange als unwürdig, sein „hohes Ross“
zu verlassen und auf das verhasste Niederrad herunterzusteigen.
In Österreich soll der Kaiser persönlich
ein Verbot für Hochräder angeregt haben.
Einerseits, um die österreichische Industrie
zu schützen, die vornehmlich Niederräder
fertigte, andererseits rekrutierte sich die Mehrzahl
der Bicyclisten aus jungen Offizieren, und deren Einsatzkraft
wollte man nicht durch Sturzverletzungen gefährden.
Ellis & Co. Ltd, "the Facile"
GB 1879 |

H. B. Smith Machine Company
"the American Star, " USA 1882 |
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