im Visier: Besitzerstolz auf Karton - die Fahrradpostkarte


Die Geschichte der Fotografie läuft ziemlich parallel zu der des Fahrrads selbst ab. Schon vor 1800 versuchen die französischen Brüder Niepce, Bilder der Camera Obscura (ein schwarzer Raum mit einer kleinen Öffnung, durch welches das hereinfallende Licht ein Bild auf die Rückwand projiziert) festzuhalten. Papier-Fotos entstehen im Jahr 1816, der Freiherr von Drais steht zu der Zeit kurz vor der Fertigstellung seiner allerersten Laufmaschine.

 
 

Allerdings dauert es noch ein paar Jährchen, ehe Nicephore Niepce, der selbst ein Laufrad besessen haben soll, auf mittels Chemikalien lichtempfindlich gemachten Zinnplatten das erste Foto speichern kann. Das 1927 entstandene Bild zeigt den Blick aus seinem Wohnzimmerfenster, wozu eine Belichtungszeit von 8 Stunden notwendig ist! Der entscheidende Vorstoß gelingt Niepces Partner Louis Jaques Mande Daguerre: Sein Verfahren, eine Silberjodschicht mit Quecksilberdämpfen zu belichten und mit einer Kochsalzlösung zu fixieren, wird nach ihm Daguerreotypie genannt und von der französischen Akademie der Wissenschaften weltweit bekannt gemacht. Der Staat kauft die Erfindung und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich – da somit keine Patentrechte zu entrichten sind, kann sich die F(Ph)otographie blitzschnell weltweit verbreiten.

 

 

1841 bereits wird in London das erste Studio für Portraitfotos eröffnet. Sich fotografieren zu lassen, gehört für die Upper Class zur modischen Pflicht (die Portraitmaler bangen um ihr Einkommen, nicht zu Unrecht), obwohl die Sitzungen eine Tortur sind. Da man für die langen Belichtungszeiten absolut unbeweglich verharren muss, werden die abzulichten Personen sogar auf eigenen Gerüsten festgezurrt.

Als um ca. 1880 auch das Hochrad sehr in Mode kommt, führt die erste Ausfahrt die Velozipedisten meist ins nächste Fotostudio, um sich mit ihrem Luxusfahrzeug verewigen zu lassen. Die Fotografen haben eigene Kulissen für dieses Thema, auf denen eine romantische Landschaft abgebildet ist, dazu sind im Vordergrund künstliche Büsche, Mauern oder gar Meilensteine aufgebaut. Die Kulissen sind so gestaltet, dass die Fahrräder mit Stahlseilen (die in der Dunkelkammer anschließend mit mehr oder weniger Erfolg wegretuschiert werden) senkrecht fixiert werden, so dass der stolze Besitzer gefahrlos im Studio eine wagemutige Fahrposition einnehmen kann.

 

 

Weil es in den kleinen Ortschaften des ländlichen Raums kaum Fotostudios gibt, entwickelt sich eine neue Berufsgruppe: der fahrende Fotograf. Auch hier kommt wieder das Fahrrad ins Spiel: auf Dreirädern werden nicht nur die mobile Dunkelkammer, die Kulissen sowie die Aufnahme- und Beleuchtungsgeräte transportiert, sondern diese Vehikel können auch noch als Stativ dienen! Das Ergebnis solcher Fotositzungen bekommt der Kunde in Form von Foto-Postkarten in die Hand, die er beliebig oft nachbestellen und berstend vor Stolz an Bekannte und Freunde versenden kann. Die Hartkarton-Passepartouts dieser Bilder benutzt der Fotograf, um in eigener Sache Werbung zu machen – ebenso wie häufig auf der Rückseite.

Heute sind solche Studiofotos beliebte Sammelobjekte, schließlich sind sie nicht nur schön anzusehen, sondern die Qualität der auf Großformat-Kameras entstandenen Bilder gibt auch deutlich die zeitgenössische Bekleidung und Ausrüstung der frühen Radler wieder.


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