Das Damenrad - ein Instrument
der Emanzipation?

Denis Johnson's Ladies Hobby
Horse, GB 1820 |
„Das Fahrrad hat zur Emanzipation der Frauen mehr
beigetragen als alle Bemühungen der Frauenbewegung
zusammen“. Dieses Zitat aus 1906 stammt von Rosa Mayreder,
einer überzeugten Frauenrechtlerin. Bis es aber
soweit war, mussten die (wenigen) radfahrenden Damen
viele Hürden überwinden und so manche Anfeindung
nicht nur von Männern, sondern hauptsächlich
von konservativen Geschlechtsgenossinnen aushalten.
Wie hat sich das Damenrad entwickelt, und warum hat
es so viel länger als beim Herrenrad gedauert,
bis sich nach einer „radelnden Frauensperson“ niemand
mehr umgedreht hat?

1-2-3 Tricycle, GB um 1882 |
Denis Johnson hat 1818 unter Verwendung der Lizenzen
des Freiherrn von Drais in England Laufräder
gebaut. Eine spezielle Form war für Damen gedacht
und hieß „Ladies Pedestrian Hobby Horse“. Sehr
viele solcher Damen-Laufräder dürften nicht
entstanden sein, übergeblieben ist nur ein einziges
Exemplar, das steht heute im Science Museum in London.
Mehr verbreitet waren die Velocipede des Pierre Michaux
und seiner Lizenznehmer. Aber auch von den daraus
entstehenden Damenmodellen wurden nur einzelne Exemplare
gebaut. Aber es gab durchaus pedalierende Amazonen:
am 1. November 1868 fand das erste Frauenrennen statt
- 4 Damen „im kokett gewählten Pagenkostüm“
(so berichteten die Zeitungen darüber) bestritten
diesen Lauf in Bordeaux auf normalen Velocipeden.
War dieses Rennen eher ein Public Relation Gag, um
das Fahrrad bekannt zu machen, so ging es beim ersten
Langstreckenrennen von Paris nach Rouen (122 Km) schon
eher konkret zur Sache: unter 400 Teilnehmern (nur
ein drittel davon erreichte das Ziel) war eine einzige
Frau: "Miss America" wurde 29te. Sie war
lange die einzige Radamazone, wurde aber dann von
"Miss Olga" aus Russland abgelöst,
die ihr leistungsmäßig überlegen war.

Dan Albone's Ivel Convertible
Bi-Tricycle, GB 1889 |

Seidel & Naumann Model
Teutonia, D 1890 |
Beim nächsten Evolutionssprung des Fahrrads,
dem Hochrad, wurde kaum an Frauen gedacht. Im Rock
eines dieser Riesenvehikel zu besteigen war schlichtweg
unmöglich! (hin und wieder soll es allerdings
vorgekommen sein, dass Frauen als Männer verkleidet
dieser Machobeschäftigung nachgegangen sind.
James Starley, einer der Hochradpioniere, hat dennoch
ein Zweirad für Damen entwickelt: sein „Ladies
Ariel“ hat beide Pedale auf der selben Seite des riesigen
Vorderrads, ermöglicht also ein Fahren im Damensitz
– und wird kein Erfolg. Auch davon dürften nur
eine Handvoll Exemplare entstanden sein. Außer
einem Foto kennt man heute nichts mehr darüber.
Aber Starleys Sohn, der ebenfalls James hieß,
und sein Neffe John Kemp Starley entwickelten ein
Dreirad speziell für Damen: es hat auf einer
Seite ein großes Antriebsrad und zwei kleine
Spurräder auf der anderen Seite des Rahmens.
Dieses hebelgetriebene „Coventry Lever Tricycle“ entstand
1876, wurde zu einem großen Erfolg und ermutigte
auch andere Hersteller, Damendreiräder zu bauen.
Das beliebteste ist das „Salvo“, ein kettengetriebener
Hintersteurer. Sogar Queen Victoria wart begeistert
und bestellte ein Modell, weswegen das Rad fortan
„Royal Salvo“ hieß.
the Hartfield Ladies Roadster,
USA 1894 |

the Bamboo Ladies Bicyle, GB
1896 |

Gritzner Damenrad mit Wellenantrieb,
D um 1907 |
Als Geburtshelfer des modernen Fahrrads gilt John
Kemp Starley. Sein „Rover II“ aus 1886 war das erste
Sicherheits-Rad mit gleich großen Rädern.
„Smiling“ Dan Albone entwickelt es 1887 weiter zum
„Anfield Ivel, Convertible Ladies Bi- Tricycle“ Mutige
Damen konnten mit wenigen Handgriffen dieses Dreirad
durch Demontage des dritten Rads das Gefährt
in ein einspuriges Zweirad mit tiefem Durchstieg verwandeln
– geeignet auch für Rockträgerinnen. Das
Damenrad war Realität! In den zahlreichen aus
dem Boden sprießenden Radfahrclubs waren Frauen
allgemein nicht erwünscht, deshalb etablierte
sich in Dresden der erste reine Damen-Radfahrclub.
1893 folgte der Grazer-Damen-Bicycle-Club (der sich
schon 1898 wieder auflöste), 1894 der Wiener
und im selben Jahr der Berliner B.C. Modernern ging
es in Amerika und England zu, wo bereits jedes dritte
Mitglied eines Bicycle Clubs weiblichen Geschlechts
war. Im deutschsprachigen Raum lag der Anteil deutlich
unter 10%! 1892 fand in Berlin das erste offizielle
Damenrennen statt, Fernfahrten folgten. Die erste(Inoffizielle)
WM für Frauen gab es 1898. Im selben Jahr verbot
der Sportausschuss des DRB die weitere Austragung
von Damenrennen. Ab 1900 entdeckte aber die Industrie
die Frau als bevorzugte Zielgruppe (jedes zweite gefertigte
Rad war ein Damenrad) – und als Werbeträger.
Nach Durchbrechung der Kleidervorschriften (eine Frau
in Hosen – ein Skandal!) und nach Einführung
des „Rational Dress“, auch Bloomers genannt (als Rock
getarnte Hosen) setzte sich die Frau als gewohntes
Bild im Straßenverkehr durch. Im Sport dauerte
es noch ein paar Jahrzehnte: die erste Damenrundfahrt
weltweit fand in Österreich statt, die Tour de
Styria 1978! Und 1984 erst wurde der Damenradsport
olympisch – in Los Angeles wurde ein Straßenrennen
durchgeführt. Im gleichen Jahr startete die erste
Tour de France für Frauen, und 1988 folgte der
Giro d’ Italia.
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