Das Damenrad - ein Instrument der Emanzipation?

Denis Johnson's Ladies Hobby Horse, GB 1820

„Das Fahrrad hat zur Emanzipation der Frauen mehr beigetragen als alle Bemühungen der Frauenbewegung zusammen“. Dieses Zitat aus 1906 stammt von Rosa Mayreder, einer überzeugten Frauenrechtlerin. Bis es aber soweit war, mussten die (wenigen) radfahrenden Damen viele Hürden überwinden und so manche Anfeindung nicht nur von Männern, sondern hauptsächlich von konservativen Geschlechtsgenossinnen aushalten. Wie hat sich das Damenrad entwickelt, und warum hat es so viel länger als beim Herrenrad gedauert, bis sich nach einer „radelnden Frauensperson“ niemand mehr umgedreht hat?

Denis Johnson hat 1818 unter Verwendung der Lizenzen des Freiherrn von Drais in England Laufräder gebaut. Eine spezielle Form war für Damen gedacht und hieß „Ladies Pedestrian Hobby Horse“. Sehr viele solcher Damen-Laufräder dürften nicht entstanden sein, übergeblieben ist nur ein einziges Exemplar, das steht heute im Science Museum in London. Mehr verbreitet waren die Velocipede des Pierre Michaux und seiner Lizenznehmer. Aber auch von den daraus entstehenden Damenmodellen wurden nur einzelne Exemplare gebaut. Aber es gab durchaus pedalierende Amazonen: am 1. November 1868 fand das erste Frauenrennen statt - 4 Damen „im kokett gewählten Pagenkostüm“ (so berichteten die Zeitungen darüber) bestritten diesen Lauf in Bordeaux auf normalen Velocipeden. War dieses Rennen eher ein Public Relation Gag, um das Fahrrad bekannt zu machen, so ging es beim ersten Langstreckenrennen von Paris nach Rouen (122 Km) schon eher konkret zur Sache: unter 400 Teilnehmern (nur ein drittel davon erreichte das Ziel) war eine einzige Frau: "Miss America" wurde 29te. Sie war lange die einzige Radamazone, wurde aber dann von "Miss Olga" aus Russland abgelöst, die ihr leistungsmäßig überlegen war.

Dan Albone's Ivel Convertible Bi-Tricycle, GB 1889

Seidel & Naumann Model Teutonia, D 1890

Beim nächsten Evolutionssprung des Fahrrads, dem Hochrad, wurde kaum an Frauen gedacht. Im Rock eines dieser Riesenvehikel zu besteigen war schlichtweg unmöglich! (hin und wieder soll es allerdings vorgekommen sein, dass Frauen als Männer verkleidet dieser Machobeschäftigung nachgegangen sind. James Starley, einer der Hochradpioniere, hat dennoch ein Zweirad für Damen entwickelt: sein „Ladies Ariel“ hat beide Pedale auf der selben Seite des riesigen Vorderrads, ermöglicht also ein Fahren im Damensitz – und wird kein Erfolg. Auch davon dürften nur eine Handvoll Exemplare entstanden sein. Außer einem Foto kennt man heute nichts mehr darüber. Aber Starleys Sohn, der ebenfalls James hieß, und sein Neffe John Kemp Starley entwickelten ein Dreirad speziell für Damen: es hat auf einer Seite ein großes Antriebsrad und zwei kleine Spurräder auf der anderen Seite des Rahmens. Dieses hebelgetriebene „Coventry Lever Tricycle“ entstand 1876, wurde zu einem großen Erfolg und ermutigte auch andere Hersteller, Damendreiräder zu bauen. Das beliebteste ist das „Salvo“, ein kettengetriebener Hintersteurer. Sogar Queen Victoria wart begeistert und bestellte ein Modell, weswegen das Rad fortan „Royal Salvo“ hieß.

the Hartfield Ladies Roadster, USA 1894

the Bamboo Ladies Bicyle, GB 1896

Gritzner Damenrad mit Wellenantrieb, D um 1907

Als Geburtshelfer des modernen Fahrrads gilt John Kemp Starley. Sein „Rover II“ aus 1886 war das erste Sicherheits-Rad mit gleich großen Rädern. „Smiling“ Dan Albone entwickelt es 1887 weiter zum „Anfield Ivel, Convertible Ladies Bi- Tricycle“ Mutige Damen konnten mit wenigen Handgriffen dieses Dreirad durch Demontage des dritten Rads das Gefährt in ein einspuriges Zweirad mit tiefem Durchstieg verwandeln – geeignet auch für Rockträgerinnen. Das Damenrad war Realität! In den zahlreichen aus dem Boden sprießenden Radfahrclubs waren Frauen allgemein nicht erwünscht, deshalb etablierte sich in Dresden der erste reine Damen-Radfahrclub. 1893 folgte der Grazer-Damen-Bicycle-Club (der sich schon 1898 wieder auflöste), 1894 der Wiener und im selben Jahr der Berliner B.C. Modernern ging es in Amerika und England zu, wo bereits jedes dritte Mitglied eines Bicycle Clubs weiblichen Geschlechts war. Im deutschsprachigen Raum lag der Anteil deutlich unter 10%! 1892 fand in Berlin das erste offizielle Damenrennen statt, Fernfahrten folgten. Die erste(Inoffizielle) WM für Frauen gab es 1898. Im selben Jahr verbot der Sportausschuss des DRB die weitere Austragung von Damenrennen. Ab 1900 entdeckte aber die Industrie die Frau als bevorzugte Zielgruppe (jedes zweite gefertigte Rad war ein Damenrad) – und als Werbeträger. Nach Durchbrechung der Kleidervorschriften (eine Frau in Hosen – ein Skandal!) und nach Einführung des „Rational Dress“, auch Bloomers genannt (als Rock getarnte Hosen) setzte sich die Frau als gewohntes Bild im Straßenverkehr durch. Im Sport dauerte es noch ein paar Jahrzehnte: die erste Damenrundfahrt weltweit fand in Österreich statt, die Tour de Styria 1978! Und 1984 erst wurde der Damenradsport olympisch – in Los Angeles wurde ein Straßenrennen durchgeführt. Im gleichen Jahr startete die erste Tour de France für Frauen, und 1988 folgte der Giro d’ Italia.

 

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